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Tibet: Erschütternder Erlebnisbericht eines tibetischen Jugendlichen aus Lhasa

1 Juni 2008 Noch kein Kommentar Diesen Artikel drucken Diesen Artikel per E-Mail versenden

Pressemitteilung: Tibetan Centre for Human Rights and Democracy

Ein seltenes ausführliches Zeugnis eines tibetischen Jugendlichen, der auf die Unruhen in Lhasa im März hin festgenommen wurde, wurde dem TCHRD zugespielt. Der Interviewte schildert die Anwendung von extremer Gewalt im Gefängnis, erzählt von den Schmerzensschreien in den Korridoren, den grauenhaften Geschichten, die er ständig hörte, der nicht versiegenden Hoffnung auf Hilfe von der Außenwelt und den Lebensperspektiven nach der Inhaftierung. Das nachfolgende Interview wurde einer dritten Person diktiert und dann vom TCHRD druckfertig gemacht. Um die Identität des jungen Mannes zu schützen, wurde eine Reihe von Angaben ausgelassen, die durch (*) markiert sind. Erklärungen, Kommentare und weitere Einzelheiten wurden in eckigen Klammern angefügt.


„Im März stürmten an die 100 Soldaten in unser Haus, rammten fünf Türen ein und durchwühlten alles, sie warfen einfach alles auf den Boden und droschen auf jeden ein, den sie erwischen konnten. Die ganze Szene glich einem Raubüberfall, sie trugen zahlreiche Schußwaffen und gingen sehr grob mit uns um. Ich wurde festgenommen, sie fesselten mir die Daumen hinter dem Rücken und zwar so straff, daß der Bereich meiner Daumen bis heute gefühllos ist. Sie waren sehr grausam zu uns. ‚Jetzt ist unsere Chance gekommen’, sagten sie zueinander und schlugen uns. Ich dachte, sie würden mich umbringen, denn sie schlugen immer wieder mit voller Wucht auf meinen Kopf, und da hätte leicht mein Schädel brechen können. Schläge auf den Kopf sind viel gefährlicher als auf den übrigen Körper. Dann warfen sie mich ins Gefängnis, vier Tage lang stellten sie keine Fragen. Sie gaben uns einen halben Dampfwecken am Tag, und der ist sehr klein. Alle waren sehr durstig, und viele Leute tranken ihren eigenen Urin [die Häftlinge bekamen nämlich kein Wasser]. Wir hatten keine Kleider, keine Decken, nichts, worauf wir uns hätten legen können [nur der Zementfußboden], und es war sehr kalt. Vier Tage lang sprach keiner mit uns, sie ließen uns einfach so liegen.
Tagsüber ist es ruhig, während des Tages passiert nichts in Lhasa. Aber von 11 Uhr abends bis 5 oder 6 Uhr morgens nehmen sie Tausende von Menschen fest. Sie gaben uns nach vier oder fünf Tagen zwei Dampfwecken und heißes Wasser in dem Raum, in dem wir lagen. Wir waren (*) Leute in diesem einen Raum. Es war sehr übel dort. Wir hörten eine Menge schrecklicher Dinge. Viele Leute hatten gebrochene Arme oder Beine, oder Verwundungen durch Schüsse, aber sie wurden nicht ins Krankenhaus gebracht. Sie lagen einfach da mit uns, es war wirklich entsetzlich. Ich kann gar nicht glauben, daß wir uns im 21. Jahrhundert befinden. Da war ein Junge, der viermal durchschossen wurde, einmal von hier nach dort [von der linken Seite des Rückens zur linken Brustseite, direkt am Herz vorbei], von hier nach dort [von der linken Armbeuge zur Innenseite des Handgelenks] und einmal hier [eine horizontale Wunde an seinem rechten Oberarm]. Einige Leute hatten gebrochene Rippen. Einem Mann wurde ins [rechte] Auge gestoßen, es war ganz geschwollen, schwarz-blau angelaufen, es sah grausig aus. Andere hatten ausgebrochene Zähne, aber das sind nur ein paar Beispiele. Viele fürchterliche Dinge geschahen.

Ein großes Problem ist es, daß die Menschen nichts zu essen bekommen, sie leiden schrecklichen Hunger und fallen einfach um. Ein Junge fiel ins Klo, das im selben Raum war, und er trug eine Schnittwunde quer übers Gesicht davon [unter dem Kinn entlang des Kiefers]. Viele Leute haben auch psychische Probleme, und sie sind die ersten, die kollabieren. Ein Junge aus Tsethang hatte ein ’Herzleiden‚, eigentlich ein psychisches Problem, er war sehr dünn. Jeden Tag fiel er zwei oder dreimal um, aber denen war es egal.

Das Schlimmste – das ist Gondzhe [Name eines Gefängnisses]. In Lhasa gibt es neun Haftanstalten, die größte ist Drapchi und auch in Chushul [chin. Qushu] gibt es eines, aber sie sind leer, sie zeigten den Besuchern, daß niemand inhaftiert ist, es ist nur zur Show da. Normalerweise gibt es kein Gefängnis am Bahnhof, aber sie mieteten große Gebäude und steckten die Leute dort hinein: in Du-Long [Kreis Toelung Dechen] und am Bahnhof und in Gondzhe. An diesen drei Plätzen inhaftierten sie die Leute. Bei Nacht fahren sie mit einem großen Bus an, und viele Soldaten kommen, und einhundert bis einhundertfünfzehn Häftlinge kommen dann nach Du-Long. Sie sagen, es sei Zeit nach Hause zu gehen: ‚Ihr habt nichts Unrechtes getan, ihr könnt nach Hause gehen’. Aber tatsächlich bringen sie die Gefangenen in einem großen Bus nach Du-Long oder zum Bahnhof. Sie mischten die Leute einfach durcheinander und transferierten sie ständig von da nach dort [von Gefängnis zu Gefängnis]. Ich habe das selbst nicht gesehen, aber Freunde erzählten mir, was sie in Du-Long sahen. Einigen Mönchen hatten sie Säcke über die Köpfe gestülpt und sie so weggebracht, sie kehrten nicht mehr zurück, vielleicht wurden sie schon getötet.


Ich traf einen alten Mann, 65 Jahre alt, zwei Rippen waren ihm gebrochen worden und er war ganz in sich zusammengesackt, er konnte nicht mehr aufrecht stehen, er war dem Tode nahe, deshalb brachte die Polizei ihn ins Volkshospital, wo jeden Tag ein oder zwei Menschen sterben [infolge der Gewaltanwendung durch die Polizei]. Die Leute, die ins Krankenhaus gebracht werden, sind meist solche, die durch Schüsse oder Schläge schwer verwundet wurden, dort sterben sie dann. Ein Bruder und seine Schwester aus (*), der Bruder war der jüngere, schliefen in demselben Zimmer, und plötzlich kamen Soldaten herein und warfen sie von einem oberen Stockwerk aus dem Fenster auf die Erde. Der Bruder war auf der Stelle tot. Direkt vor dem Gebäude. Seine Schwester starb nicht, aber sie kann nicht mehr liegen, sie muß die ganze Zeit im Sitzen verharren. Sie nahmen den toten Körper weg und verbaten ihr, irgend jemand etwas darüber zu sagen (*). Das sind nur ein paar Beispiele. Es gibt noch viel mehr Grauenhaftes von dieser Art.

Leuten, die überhaupt nichts getan hatten, wurden viele Fragen gestellt. Ihre einzige Schuld ist, daß sie Tibeter sind. Es gibt viele Landkreise in Tibet, sie rufen die Polizei von jedem Bezirk, aber die Leute aus den anderen Bezirken sind ja gar nicht in Lhasa, sie zeigen ihnen, daß die Gefängnisse leer sind. Diese Leute wurden nämlich an andere Orte gebracht, weil es in Lhasa so viele Menschen gibt, die etwas beobachten könnten, daher schaffen sie alle weg. All die Mönche vom (*) Kloster, unsere Freunde und Verwandten, wir wissen nicht, wo sie sind.
Weißt du, sie sagen, es seien keine Soldaten mehr in Lhasa, aber die sind noch da, sie tragen halt Zivilkleidung und sie prüfen die Ausweise. Ich möchte reden und ich möchte, daß die Menschen erfahren, was in Tibet geschieht. Sollen sie mich halt dafür schlagen [er meint, daß seine Familie auch verletzt werden könnte], ich habe nichts Böses getan in Lhasa.

Viele junge Leute in Lhasa, zum Beispiel, waren am 14. [März] zusammen, dann wurde ich geschlagen, und dann sagten sie: So und nun kommst du zu mir [zu dem Gefängniswärter, der foltert]. Aber ich habe Freunde im (*) Kloster, ich würde eher sterben als sie preiszugeben. Ich sah vieles, was sie im Gefängnis taten. Ein Mann aus Dhadezhe [evtl. Dartsedo] hatte eine neue Jacke an, sie schlugen ihn so schrecklich, daß er starb, nur wegen der Jacke, weil sie ganz neu war, und sie sagten einfach, er hätte sie gestohlen. So wurde er wegen seiner neuen Jacke umgebracht.
Es gibt eine Menge Oberschüler in Sauko. Einem 17jährigen, der an den Ereignissen vom 14. [März] nicht beteiligt war, wurden alle Kleider abgenommen, die Hände wurden ihm gefesselt und dann stießen sie einen Karren gegen ihn, bis er umfiel. Es gibt so viele Foltermethoden. Das Kerlchen war noch so jung, es hatte überhaupt nichts getan. Danach sagte er, daß er allerlei Dinge getan hätte. Das passiert mit so vielen Leuten, sie setzten sie unter Druck, Dinge zuzugeben, die sie nie getan haben. Ich selbst sah die Toten nicht, aber im Gefängnis riefen die Häftlinge den Polizisten oder Soldaten zu: ‚Da ist wieder einer gestorben’. Jeden Tag rufen sie so etwas. In Gondzhe gibt es neun Gebäude, und jedes davon hat elf Räume und in jeden Raum haben sie 20 bis 30 Menschen gepfercht. Eines Tages wurden einem Chinesen einige Fragen gestellt, jemand rief an und fragte, wie viele festgenommen worden seien und er antwortete: Nicht ganz 10.000. Aber dabei sind ja Drepung, Sera, Ramoche und Jokhang noch nicht mitgerechnet. Nachdem sie uns rausließen, nahmen sie die Mönche fest. Als ich herauskam [aus dem Gefängnis] hörte ich, daß viele im Kloster Drepung verhaftet worden waren. Ich wurde am (*) April entlassen.

Ich traf einen Mönch von Ramoche, der vor mir entlassen wurde. Ich mache mir große Sorgen um die Mönche. Die Soldaten betrachten die Mönche als etwas ganz anderes… bei einem Mönch aus Dezhe [möglicherweise Bezirk Derge] war der Finger war ganz nach hinten gebogen und sie hatten ihm ein Auge ausgestochen. Damit konnte er gar nicht sehen, er wurde noch übler geschlagen als wir, aber er lebt noch…. Ich kann einfach nicht begreifen, warum sie den Mönchen solche schrecklichen Dinge antun, ihnen so entsetzliche Schmerzen zufügen.
Ich traf einen Jungen aus dem (*) [Bezirk] im selben Gefängnis, und er hatte zwei Freunde in Lhasa, die in der Nähe des Ramoche lebten, sie wurden von Gewehrkugeln getroffen, einer von ihnen – da gibt es ein Hospital beim Anichenko – wurde in dieses Nonnenkloster gebracht und starb dort, 21 Jahre alt. Ich vergaß seinen Namen. Der andere war 20 Jahre alt, er wurde auch durch einen Schuß schwer verwundet, er ist im Krankenhaus, er könnte auch bald sterben. Er wurde auf der Gangsu Straße beschossen.

Ein Junge namens (*) aus Anishim bei Lhasa, ist im Gefängnis, und zwei seiner Freunde wurden totgeschossen. Er und sein 18jähriger Bruder waren aus Phenpo. Im Gefängnis in Gondzhe gibt es viele Leute aus Phenpo.
Tagsüber ist es sehr ruhig, alles passiert bei Nacht, und alles ist sehr geheim. Es gibt keinen telefonischen Kontakt zu Drepung, Sera oder dem Bahnhof. Manchmal können wir den Bahnhof erreichen, aber die meiste Zeit geht das nicht.
Ich habe Verwandte in Indien, ich schrieb einfach, was ich hörte und sah, um es über das Internet zu senden. Ich schrieb ein wenig und sicherte es unter Word, und plötzlich verschwand es, was mich sehr erschrak. So rief ich meine Emails nicht mehr ab, ich habe eine Menge Freunde im Ausland und sie schicken mir viele Emails, aber ich habe sie nicht geöffnet (*).

Nach außen hin zeigen sie den Leuten, daß alles sehr gut ist, aber im Inneren ist es wirklich schrecklich. Die Leute haben tatsächlich üble Dinge getan und damit diese Probleme für uns geschaffen. In Ramoche taten sie niemand etwas, dennoch umstellten Tausende von Soldaten das Kloster und alle Tempel und viele Fahrzeuge blockierten die Tore, so daß es wie ein Gefängnis war. Wir können das nicht mehr ertragen, wir sollten duldsam sein, aber wir können nicht mehr. Es gibt keine Menschenrechte und der kulturelle Genozid ist die Wirklichkeit, das ist so im Großen, aber was sehen wir im Kleinen, beispielsweise in Lhasa, auf einer Hauptstraße wie der Beijing Lu [Lu bedeutet Straße auf Chinesisch], oder der Genshu Lu, wie viele Tibeter haben denn Geschäfte an Straßen wie diesen? Das ist Lhasa, das ist Tibet und nicht China. Dürfen die Tibeter nicht auch leben? Die Chinesen haben mehr Fähigkeiten, weil sie in großen Städten studieren. Sie haben Erfahrung oder genug Geld, um ein Geschäft zu betreiben, aber die Tibeter kommen aus den Dörfern, sie sind Bauern oder Nomaden, sie haben kein Geld, wie können sie Geschäfte machen in Lhasa? Was ist wichtiger? Daß die einheimischen Leute Geschäfte machen in Lhasa oder die Chinesen? Warum erlaubt die Polizei nicht den Tibetern, auf der einen Seite der Straße ein Geschäft zu betreiben, und weist den Chinesen die andere Seite zu – dann wären die Dinge ausgeglichener? Es gibt viele Tibeter, die sehr begabt und intelligent sind, aber sie haben nicht genug Geld, um es zu etwas zu bringen. Nur jene, die in Beijing oder Shanghai wohnen, haben Geld. Das also ist es im Kleinen.

Ich sehe viele Dinge, ich bin o.k. Ich kann viele Dinge tun. Aber ich sehe viele Tibeter, ich sehe wie sie leben und ich sehe, wie die Chinesen leben, aber das ist doch Tibet. Die örtliche Bevölkerung sollte nicht über den Chinesen stehen, aber es sollte ein Gleichgewicht herrschen. Es gibt einige sehr alte Tibeter, die ihre Pensionen vom Staat beziehen, man kann sie im TV sehen. Sie sagten den Tibetern schlechte Dinge. Ich beobachte sie und lache nur. Es gibt viele Leute im Westen, die für die Bürgerrechte der Tibeter kämpfen. Ich bin glücklich, daß diese Leute so etwas tun. Ich möchte so gerne jeden Tag mehr zu Hause lernen, aber ich kann es nicht. Wenn ich Fernsehen schaue, dann ist alles nur Lüge, das tut mir im Herzen so weh [er zeigt auf sein Herz] und es ist sehr schlecht. So laufe ich einfach durch die Straßen und dann kommen die Soldaten, die nach meinem Ausweis verlangen, sie schauen drauf und fragen mich: ‚Wann wurdest du geboren?’ Und wenn da die geringste Unstimmigkeit ist, dann ist es um einen geschehen. Sie vergleichen das Paßbild mit dem Gesicht der Person, doch ein Chinese kann einfach vorbeigehen [ohne seinen Ausweis zu zeigen], für ihn ist alles o.k.

(*) Zuvor war diese Stadt der beste Ort, aber jetzt ist sie wie ein Gefängnis, sie nicht mehr wie Lhasa. Als ich im Gefängnis war, befahl mir ein tibetischer Polizist: ‚Knie dich hier hin!’. Die Daumen waren mir auf dem
Rücken gefesselt. Er setzte sich hin [auf einen Stuhl vor mich], stellte seinen Fuß auf meinen Kopf und stieß mit dem Fuß gegen meine Stirn, zwängte meinen Kopf nach hinten und ohrfeigte mich wieder und wieder. Ich sah diesen Mann und war sehr traurig. Er ist ein Tibeter und jetzt sehe ich ihn jeden Tag. Ich habe ihn [seitdem] viele Male gesehen. Eine Menge Chinesen und Tibeter sprangen mir in den Rücken und stießen mich und schlugen mich über den Kopf, sie drehten meinen Kopf nach hinten, so daß ich ihre Gesichter nicht sehen konnte. Aber wenn mir jemand so abscheuliche Dinge antut und dabei sein Gesicht zeigt, dann ist es am schlimmsten.

Das war eine Erfahrung, ich konnte eine Menge daraus lernen. Im Gefängnis träumte ich manchmal vom Essen und ich dachte an die Speisen, die wir zu Hause bekommen, wie meine Mutter und meine Schwestern kochten und ich das Essen schon riechen konnte, und da wurde mir richtig klar, wie schmackhaft das Essen zu Hause ist. Ich esse gewöhnlich alles und sage dann: ‚Es hätte besser sein können’, aber jetzt habe ich begriffen, daß es sehr, sehr gut ist. Das ist das Schrecklichste, was ich je in meinem Leben gesehen habe, aber man lernt daraus, ein guter Mensch zu werden. Manchmal, wenn die Kinder meines (*) hier waren und sie nicht gerade ihre Hausaufgaben machten, brüllte ich sie an und schlug sie. Aber wenn ich sie jetzt anschreie, dann tut mir das selbst weh. Ich habe eine Menge gelernt.
Ich mache mir solche Sorgen um unsere kleine tibetische Bevölkerung. Viele Menschen sterben nun oder sie sind wegen Arm- und Beinbrüchen zu Krüppeln geworden, und das ist sehr übel. Und andere Leute sind im Gefängnis, so wie ich es war, und ich denke die ganze Zeit an die Menschen im Gefängnis. Ich denke an die schreckliche Lage, in der sie sich befinden. Junge Leute, 16 oder 17 Jahre alt, die die ganze Zeit schreien – das macht mich so sehr traurig. Ich sah Leute mit gebrochenen Gliedern und Leute, die angeschossen wurden – ihre fahlen Gesichter zu sehen, ist entsetzlich traurig.

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