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Atomkraft das Eis wird beim Bürger immer dünner!

5 Juli 2009 Noch kein Kommentar Diesen Artikel drucken Diesen Artikel per E-Mail versenden

20090624-01Einem Interview mit dem Berliner Tagesspiegel zu folge, verlangt Umweltminister Gabriel von der Union einen anderen Kurs in der Atompolitik:  Längere Laufzeiten für ältere Kraftwerke seien verantwortungslos. Bundestagswahlkamf pur, oder vom Saulus zum Paulus?!  Was eine „spektakuläre“ Forderung unseres Umweltminister Gabriel, vor allen wirklich nichts neues was da verlangt wird.

Vattenfall und der Reaktor Krümmel lassen uns dieser Tage wieder mal grüßen! Ob Biblis A und B, Brunsbüttel oder Krümmel es häufen sich die großen und kleinen Störfälle und dass nicht erst seit gestern, sondern nun schon einige Jahre. Allein im Jahr 2007 wurden durch Störfälle mehr als 25 Terawattstunden weniger als zu erwarten gewesen wäre erzeugt. Heute lesen wir von Zersetzungserscheinungen der Atomkraftwerksanlagen von Reaktorsumpf, Terroranfälligkeit ect. von der Endlager Problematik ganz zu schweigen. Die gesellschaftliche Akzeptanz sinkt in Anbetracht steigender Strompreise trotz Atomkraftwerks-Power. Doch was interessiert dies die Eigentümer der deutschen Atomkraftwerke. E.ON, RWE, Vattenfall und EnBW haben einen Anteil an der deutschen Stromerzeugung von über 85 Prozent. Damit bilden sie in der deutschen Stromerzeugung ein Oligopol (Bundes-netzagentur 2008) und haben entscheidenden Einfluss auf die Strompreisgestaltung. Die Stromerzeugung ist im Gegensatz zu der Gestaltung der Netzdurchleitungskosten nicht Gegenstand der Regulierung durch die Bundesnetzagentur. Es wird von den Berteibern  eine zum Himmel stinkende Informations- und  Preisstrategie verfolgt, so maximieren sich die Gewinne zu Lasten der Sicherheit der Menschen in Deutschland und der EU.
Die Forderung des Umweltminister Gabriel ist der Bundesregierung schon länger bekannt, aber im Wahlkampf ist jede Sau, die durchs Dorf getrieben wird, gut für Publicity!

Das Wuppertaler Institut für Klima, Umwelt, Energie Prof. Dr. Manfred Fischedick, Dr. Nikolaus Supersberger, Dipl-Biol. Christoph Zeiss untersuchte im Auftrag des Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU) 2008 die Auswirkungen, die eine Verlängerung der AKW-Laufzeiten auf den Ausbau der regenerativen Energieversogung hätte. Ergebnis der Studie: Atomkraftwerke sichern bereits heute nicht mehr, eine oft zitierte, Grundversorgung mit Strom, sondern produzieren wegen ihrer schlechten Regelfähigkeit zu Spitzenzeiten Überschussstrom. Denn schon heute ist das Angebot an regenerativ erzeugtem Strom auf dem Markt teilweise so hoch, dass Grundlastkraftwerke ihre Produktion zurückfahren müssten, wollte man konsequent einen möglichst hohen Anteil regenerativer Energieversorgung erzielen. Auszüge aus dieser Studie besagen Atomkraftwerke helfen nicht gegen steigende Energiepreise! Eine Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke würde zu keiner deutlichen Strompreissen-kung, sondern lediglich zu einer deutlichen Steigerung der Einnahmen der Kraftwerksbetreiber führen. Je nach Anzahl und Alter der Kraftwerke profitieren die Unternehmen unterschiedlich von einer Laufzeitverlängerung. In der Zeit zwischen 2011 und 2020 würden schon bei einer Laufzeitverlängerung von 8 Jahren etwa 3 bis 4 Mrd. € pro Jahr als Zusatzgewinne für die Kraftwerksbetreiber anfallen. In diesem Fall würden sich die Gewinne zu 40 Prozent bei E.ON, zu 26 Prozent bei RWE und zu 22 Prozent bei EnBW niederschlagen. Diese Zusatzeinnahmen würden allerdings nicht zu direkten (zumindest nicht signifikanten) Strompreissenkungen führen.

Mittelständische und kommunale Versorgungsunternehmen bleiben bei einer Laufzeitverlängerung vom Markt ausgeschlossen!
Akteure, die über „die großen Vier“ hinaus Stromerzeugungskapazität für den deutschen Strommarkt bereitstellen, steigern die Vielfalt des Angebotes und tragen zu mehr Wettbewerb bei. Dabei handelt es sich im Wesentlichen um auf regionaler bzw. kommunaler Ebene tätige Unternehmen, deren wirtschaftlicher Erfolg häufig einen wichtigen Faktor in der regionalen Wirtschaftsstruktur darstellt. Diese Akteure treffen jedoch mit ihren Handlungsmöglichkeiten auf die bereits vorhandenen und abgeschriebenen Stromerzeugungskapazitäten der großen Energieversorger und können sich so im Markt nur schwer etablieren. Eine Laufzeitverlängerung der deutschen Atomkraftwerke würde diesen Trend verstärken und die oligopolistische Struktur der deutschen großen Vier stärken. Eine Laufzeitverlängerung würde das ungelöste Endlagerproblem verschärfen. Heute gibt es in Deutschland ca. 6 000 Tonnen hoch radioaktiven Abfalls. Bis zur Abschaltung des letzten Atomkraftwerkes wird diese Menge dem heutigen Ausstiegskompromiss folgend noch um ca. 4 800 Tonnen anwachsen. Bei der Verlängerung der Laufzeiten der Atomkraftwerke würden im erheblichen Umfang zusätzliche Mengen an hoch radioaktiven Abfällen entstehen. Bei einer Laufzeitverlängerung von zehn Jahren läge das zusätzliche Abfallaufkommen bei ca. 3 500 Tonnen (Bundesamt für Strahlenschutz 2007). Damit verschärfte sich das bisher ungelöste Problem der Endlagerung erheblich Der notwendige Strukturwandel in der Stromversorgung, Anreize, in zentrale Erzeugungsoptionen auf der Basis erneuerbarer Energien zu investieren, würden sich bei einer Laufzeitverlängerung blockiert. Für die Energieversorgungsunternehmen würden bei einer Laufzeitverlängerung die momentan bestehenden Anreize sinken, in zentrale regenerative Erzeugungsoptionen wie die Offshore-Windenergie in Nord-und Ostsee und solarthermische Kraftwerke in südlichen Ländern zu investieren. Strukturen also, die langfristig wesentliche Bausteine einer nachhaltigen Energieversorgung sein sollten. Die Auswirkungen auf die gesamte Branche wären gravierend: Die Weiterentwicklung der Offshore-Technologien in Deutschland käme ins Stocken, weil aufgrund des hohen Investitionsbedarfs neben den Energieversorgungsunternehmen nur wenige Akteure in der Lage sind, diese zu errichten und zu betreiben. Die Stromerzeugung aus den wichtigen erneuerbaren Energiequellen Sonne und Wind liefert ein fluktuierendes Energieangebot. Während der Stromverbrauch in Deutschland zwischen 40 und 80 GW schwankt, unterstellt das Leitszenario der Leitstudie 2008 für das Jahr 2020 eine installierte Leistung von rund 38 GW Windenergie und 17,9 GW Photovoltaik. Damit würden in Deutschland knapp 56 GW Kraftwerkskapazität installiert sein. Eine Laufzeitverlängerung würde zu sinkendem Technologie-Export und weniger Arbeitsplätzen führen.

Die deutsche Erneuerbaren-Industrie hat sich in den vergangenen Jahren rasant entwickelt. Als ein Beschäftigungsmotor hat sie in wenigen Jahren über 280 000 Arbeitsplätze geschaffen. Von einer starken Binnenorientierung ausgehend, haben die Unternehmen der Windkraftindustrie inzwischen einen Exportanteil von über 80 Prozent. Die starke Entwicklung innerhalb Deutschlands war für diese Entwicklung die Grundvoraussetzung. Das deutsche Energiesystem war gewissermaßen das Labor, in dem – erfolgreich – neue Technologien, höhere Leistungsstufen und effizientere Produktionsmethoden erprobt und optimiert werden konnten. So war die Steigerung der Leistungsgrößen und die Effizienz bei der Binnen-Windkraftnutzung nur im förderlichen deutschen Umfeld möglich. Die Steigerung der Produktionskapazitäten erlaubte zudem eine rasche Senkung der Produktionskosten. Mit diesem Erfahrungsschatz gelang es den deutschen Unternehmen, einerseits stark im heimischen Markt zu wachsen und andererseits den ins Ausland verkauften Anteil an der Produktion sukzessive zu steigern und im Ausland mit einem starken Heimatmarkt im Rücken ein starker Marktplayer zu werden. Ein Nachlassen in der weiteren Ausbaudynamik erneuerbarer Energien in Deutschland, insbesondere aber die Verschiebung von Technologieentwicklungen auf der Zeitachse, durch eine Laufzeitverlängerung würde die hohe Dynamik der gesamten Branche und damit ihre Exportchancen deutlich beeinträchtigen. Denn erstens würden durch eine geringere Nachfrage nach Energie aus erneuerbaren Quellen die Inlandsumsätze der zumeist mittelständischen 15 Unternehmen sinken. Damit allein würden bereits Arbeitsplätze wegfallen und dies gerade auch in strukturschwachen Regionen, in denen diese Zukunftsunternehmen in den letzten Jahren erfolgreich angesiedelt werden konnten. Zweitens wären die Unternehmen nicht mehr in der Lage, ihren Erfahrungshorizont im „Labor Deutschland“ zu erweitern, wie dies in der Vergangenheit durch die förderlichen Bedingungen der Fall war. Die Gefährdung der Technologieführerschaft wäre die Folge.
Anschaulich wird dies im Bereich der Offshore-Windkraftnutzung: Es gibt verschiedene An-zeichen dafür, dass der Lern-und Entwicklungsprozess der Binnenwindkraftnutzung im Offshore-Bereich ähnlich ablaufen wird. Dies ist aber nur dann möglich, wenn das Förderumfeld günstig bleibt und entsprechende Zuwachsraten vor Ort realisiert werden. Ohne dieses Umfeld wäre einer der globalen Wettbewerbsvorteile der deutschen Windenergieindustrie hinfällig.
Neue dezentrale Stromerzeugungs- und Nutzungsformen für erneuerbare Energien, die Einführung eines EU-weiten Stromverbundnetzes für erneuerbare Energien würde durch eine Laufzeitverlängerung behindert

Die vorhergehende Analyse zeigt die möglichen Folgen, die mit einem „Ausstieg aus dem Atomausstieg“ verbunden wären, unter besonderer Berücksichtigung der erneuerbaren Energien auf.Über strukturelle Effekte wird das Erreichen langfristiger Klimaschutzziele aber vermutlich deutlich erschwert. Negative Impulse könnten sich nicht nur durch eine Verlangsamung der Dynamik des Zubaus erneuerbarer Energien einstellen, sondern auch in Bezug auf die Umsetzung von Stromeinsparmaßnahmen und dem Ausbau der dezentralen Kraft-Wärme-Kopplung. Damit würde die Dynamik bei zentralen Beschäftigungs-und Innovationsmotoren abgebremst werden. Dies gilt mit Blick auf die erneuerbaren Energien, wenn z.B. wichtige Innovationen im Bereich der Offshore-Wind¬energie oder der solarthermischen Kraftwerke wegen fehlender Nachfrage ausbleiben.
Eine Laufzeitverlängerung wirkt damit nicht automatisch als zeitlicher Puffer für den Ausbau erneuerbarer Energien, sondern kann deren weitere Entwicklung im Gegenteil unter gleichzeitiger Inkaufnahme höherer Risiken durch den Betrieb der Anlagen auch deutlich behindern. Hierdurch fehlen Anreize, die notwendigen strukturellen Veränderungen für eine klimaverträgliche Energieversorgung direkt anzugehen. Ein Abbremsen der heutigen Entwicklungsdynamiken könnte damit auch zur Folge haben, dass hierdurch systemimmanent die Notwendigkeit besteht, nach Auslaufen der Atomkraftwerke erneut auf zentrale Strukturen setzen zu müssen, zur Begrenzung der Treibhausgasemissionen dann ggf. sogar auf neue Atomkraftwerke. Durch den Ausbau der erneuerbaren Energien, die Steigerung der Energieeffizienz und die Abkehr von der Risikotechnologie Atomkraft hingegen hat sich Deutschland einen weltweit einzigartigen Innovationsvorsprung in Technologieentwicklung, Klimaschutz und politischer Handlungsfähigkeit verschafft. Die Fortsetzung des Atomausstiegs und der hierdurch induzierte Druck tragen zentral dazu bei, dass dieser Vorsprung nicht verspielt wird.
So bleibt nur zu sagen: “ es gibt nichts Gutes außer man tut es!“ So nutzt es nichts nur im Wahlkampf oder aus parteipolitischen Interessen sich zu Wort zu melden, handeln ist angesagt, ohne berücksichtigung der in den Parteien existenten Atomlobby.

Autor R. Wenserit


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